Texte

Himmelblau und Dschungelgrün

12.05.2011
Pressetext zur Ausstellung, Galerie breeze of tenderness, München
Verena Bader

(…) Semen ist sowohl Malerin als auch Zeichnerin. So fließen in ihre grafischen Papierarbeiten immer wieder flächige, malerische Elemente ein. Eine stark zeichnerische Linie markiert wiederum ihre Ölgemälde. (…)

Es ist eine Dschungelwelt, in der Ellen Semen ihre Protagonisten ansiedelt. In satten, leuchtenden Grüntönen entwirft sie eine fantastische Regenwaldkulisse, vor der sich Mensch und Tier bisweilen bescheiden ausnehmen. Semen integriert in den für sie typischen Kombinationsbildern oftmals Figuren, die sie in Zeitschriften entdeckt. In einem vollkommen neuen Kontext stellt sie diese Figuren dann neben botanische Darstellungen und freie malerische Kompositionen. Dabei gelingt es ihr, aus den Versatzstücken ganz neue Einheiten zu schaffen. Die Betrachterwahrnehmung wird sodann auf eine harte Probe gestellt, denn kaum wahrnehmbar wird hier unterwandert, was sich vordergründig als idyllisches Paradies präsentiert. Unvermittelt kippen bei genauerem Hinsehen viele zunächst harmonisch und friedlich wirkende Szenen ins Harte und Gewaltgeprägte. Milizen lauern im Gebüsch und selbst putzige Koalas hantieren mit Maschinengewehren. Die auf den ersten Blick naive Malerei von Ellen Semen erzählt unvermittelt von den Schrecken dieser Welt. Auch wenn es sich um eine artifizielle Fantasiewelt handelt, die Semen entwirft, so verweist sie doch gleichzeitig in erschreckend direkter Weise auf das tatsächlich existierende, realpolitische Weltgeschehen.

Ellen Semens Bildmotive und Malweise erinnern an den bekannten französischen Maler Henri Rousseau (1844-1910), der seine Bilder vereinfachte und idealisierte. Wie es bei Ellen Semen zu beobachten ist, stoßen auch bei Rousseau immer wieder einzelne Bildelemente völlig überraschend und unverbunden aufeinander. Ähnlich verhält es sich mit der Auffassung der Bildebenen: Vorder- und Hintergrund zeichnen sich bei Rousseau wie bei Semen durch eine gleich bleibende Schärfe aus. Klare Konturen, komplementäre Farbkontraste und die mannigfaltigen Abstufungen von Grüntönen sind weitere Gemeinsamkeiten. Einen eklatanten Unterschied gilt es schließlich doch auszumachen zwischen dem Maler der klassischen Moderne und der zeitgenössischen Künstlerin Ellen Semen. Es ist die bereits angesprochene Realitätsauffassung: Wo Rousseau bis hin ins Surreale übergehende Fiktionen entwarf, behauptet sich bei Semen trotz der lieblichen Malerei und der fiktiv kombinierten Szenenbilder letztlich die harte, absolute Realität der menschlichen Zivilisation. Traumlandschaften werden zu Schauplätzen von Alpträumen, aus denen es in der Realität kein Erwachen gibt."