Texte

Florale Militanz

06.01.2005
Auszüge aus einem Text von Iris Meder

Das Schreckliche ist alltäglich. Jederzeit sind in den Fernsehnachrichten Ermordete, Zerfetzte zu sehen, begleiten Kameras Geiselnahmen, Anschläge und Verfolgungsjagden. Spätestens als man in Luftaufnahmen aus dem Irakkrieg Gebäude im Fadenkreuz explodieren sah, wurde das Reale zum Computerspiel, verfremdet durch seine Alltäglichkeit und durch die Distanz zwischen Ausführendem, Betrachter und Geschehen, die die zwischengeschaltete Ebene des Monitors herstellt.

Es ist ja alles nicht so schlimm, es ist nur ein Spiel. Niedliche Monster bevölkern eine irreale Welt, ferngesteuerte Frauen mit überdimensionierten Brüsten schießen sich mit leichter Hand den Weg frei. Gewalt ist auf obszöne Art sexy. Und du selbst kannst das Geschehen steuern.

Wie das Spiel ins Ernste kippt, zeigte in geografischer Nähe Mitteleuropas zuletzt der Jugoslawien-Krieg, zeigen Kindersoldaten in Afrika, zeigen täglich die kaum noch wahrgenommenen Anschläge im Irak.

Auf dieser Dialektik von Unschuld und Entsetzen bauen die Bilder von Ellen Semen auf. Sie setzen Harmloses scheinbar kommentarlos neben Grauenhaftes. Der Entfremdung in Gestalt künstlicher, nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten designter Manga-Figuren steht unmittelbarer Realismus in Form collagierter oder realistisch reproduzierter Abbildungen aus Fotoreportagen gegenüber.

Ausgangspunkt sind semantisch stark codierte Zeichen, die ihrerseits verfremdet kombiniert und in absurde Zusammenhänge gesetzt werden. Die hineincollagierte Figur aus einer Zeitschrift steht dabei gleichberechtigt neben botanischen Darstellungen und freien malerischen Kompositionen, die aus den Versatzstücken neue Einheiten schaffen. Unversehens schleicht sich das nicht Begreifbare, sich jeglicher Logik Entziehende in die alltägliche Wahrnehmung und unterwandert all das, was vordergründig klar, schön und normal erscheint. Die künstliche Inszenierung kippt so unvermittelt in das Schreckliche, das Naive ins Katastrophale. Milizionäre lauern hinter Topfpflanzen, Pin-up-Girls mit Panzerfäusten schälen sich aus Blütendolden, Vermummte fuchteln ziellos gleich mit mehreren Pistolen. In absurder Plakativität fliegen Körperteile durch die Luft – nichts passiert, zurück zum Start.

Es ist eine komplett artifizielle Welt, die in erschreckend direkter Weise wieder auf das Reale zurückführt. Scheinbare Naivität entpuppt sich dabei als äußerste Raffinesse. Das Böse lauert in der Blume – "O rose, thou art sick", wie schon William Blake wusste.